Der Freiheitsgedanke und die Konstituierung einer friesischen Identität im 19. Jahrhundert (2)

Duc Dalfs Uitluider (nach K. Alkemade en P. van der Schelling, Nederlands Displegtigheden (1732), Bd. 2, S. 536

Eine gelebte Freiheit

Die friesische Freiheit der Frühmoderne war weitgehend identisch mit einem landschaftlich bestimmten Raum, in dem Wohlstand, Repräsentationskultur und politische Privilegien zusammentrafen. Dieser Raum zeichnete sich durch kulturelle Gemeinsamkeiten und regionsspezifische Charakterzüge aus, zu denen auch die sprachlichen Eigentümlichkeiten zählten. Bereits im späten Mittelalter war der Freiheitsgedanke mit einem großbäuerlichen Selbstverständnis verknüpft, demzufolge es jedem wohlhabenden Friesen gestattet war, „mit Adelskindern zu zechen“ und „mit Königskindern in den Krieg zu ziehen“, wie es in einer westfriesischen Chronik aus dem 15. Jahrhundert behauptet wurde. Diesem Selbstverständnis wurde in den frühmodernen Ständeordnungen, wie unterschiedlich diese auch waren, ein fester Platz eingeräumt. In der Regel war man sich einig, dass fast alle Küstenregionen, in denen sich landschaftliche Freiheitsrechte gebildet hatten, eine friesische Vorgeschichte hatten, die ihre eigentümlichen Sozialverhältnisse – das angeblich durch Karl den Großen verbriefte Freiheitsprivileg – erklären konnte. Nur in Dithmarschen und in den Elbmarschen, wo die Beziehungen zur hanseatischen Stadtkultur rege waren, boten sich alternative Deutungsmodelle, die in den Nachbarregionen jedoch kaum übernommen wurden. Stattdessen zählte der Nordstrander Prediger Johannes Petreus (1540–1603) um 1600 zu den Völkern, die sich der friesischen Sprache bedienten, auch Dithmarschen, Wursten, das Land Hadeln und viele benachbarten Gegenden jenseits der Elbe und der Weser. Dieses gemeinfriesische Selbstverständnis wurde weit und breit geteilt. Als der Hamburger Senat 1608 versuchte, die freie Ausfuhr aus der Unterelbe-Region zu verhindern, behaupteten die Holländer, unterstützt durch die Stadt Stade, dass „desulven aldar in vortiden mit dem nahmen der Fresen sin genohmet gewest“. Die Stader Ratsherren, die immerhin mit vielen Marschengeschlechtern verwandt waren, sahen wohl kein Problem dabei, in dieser Angelegenheit als Friesen betrachtet zu werden.

Auch die ostfriesischen Stände behaupteten damals, von jeher „ein gantz fry volck“ gewesen zu sein, das, wie die „frye Friesen“ in den Niederlanden, niemandem außer dem Kaiser Gehorsam schuldig war. Die Einwohner Butjadingens, denen eine formale Standesvertretung fehlte, baten den Grafen, dennoch „bey ihren alten Friesischen, oder … andern Frey- und Gerechtigkeiten“ bleiben zu dürfen. Und als die Bauern des Landes Wursten, aus Kehdingen und aus dem Alten Land um 1680 versuchten, wie ihre Standesgenossen in Ost- und Westfriesland wiederum „Stimme und Stand auf Landtagen“ zu erhalten, bezeichneten sie sich ebenfalls als Nachkommen „der alten friesischen … Nation“ und Anhänger der „teutschen Freiheit“. Der Topos war weit verbreitet und verband sich gelegentlich auch mit Formulierungen, welche die Einzigartigkeit der Küstengesellschaft unterstreichen sollten. „Die Einwohner lieben noch die alte friesische Freyheit und pflegen die friesische Sprache ihren Kindern zu lehren“, heißt es etwa 1718 von den Einwohnern des Landes Wursten.

Freiheit ist hier also nicht nur als eine Aufzählung von Vorrechten und Privilegien aufzufassen, der Terminus vermittelt auch bestimmte Wohlstandsansprüche und Anforderungen. Der Freiheitsgedanke enthält darüber hinaus ein Übermaß an Wunschbildern und kulturell vermittelten Idealen unterschiedlicher Herkunft. Und er gibt letztendlich Anlass zur Gestaltung eines Freiheitsraumes, einer gelebten Freiheit, in der Repräsentationskultur und Selbstgestaltung, Rechtsgrundlagen und Freiheitsideale zusammenfließen und aufeinanderstoßen.

Die überlieferte friesische Freiheit war eine Summe aus partikularen Freiheiten sowie sprachlichen und juristischen Besonderheiten, die sich – sobald der aufgeklärte Universalglaube sich durchzusetzen vermochte – leicht verallgemeinern ließen. Fast problemlos wurden sie den nationalstaatlichen Freiheitskonzepten beigeordnet, womit aber gleichzeitig neue Trennlinien und Verbindungen erzeugt wurden. Die deutsche Aufklärung rieb sich am reformierten Pietismus. Die patriotisch angelegten Freiheitsbestrebungen bürgerlicher Kreise, vor allem in Holland und Westfriesland, stießen auf altständische Empörung und monarchistische Gegenbewegungen in benachbarten Provinzen. Die Zwangseinverleibung ins französische Kaiserreich führte darüber hinaus zu einem rückwärts orientierten Selbstverständnis, in dem Freiheit vorwiegend als kulturelle Eigenständigkeit, ständisches Mitspracherecht und kleinstaatliche Autonomie definiert wurde. Erst im Vormärz entwickelten sich radikalere Freiheitsideale, die dem neuen Begriff der Vertretungsrepräsentation in jeder Beziehung entsprachen.

Unter Einwirkung der Moderne verdoppelte sich also der Freiheitsbegriff. Er entwickelte sich aus einer faktischen Feststellung, die auf der weitgehenden Identität der Repräsentanten mit den Interessen, die sich repräsentieren ließen, beruhte, zu einem Idealmodell, das sich tendenziell auf die Interessenvertretung der ganzen Einwohnerschaft erweiterte. Die Landschaft beschränkte sich nicht mehr auf den konkreten Raum, sie wurde zur gleichen Zeit zu einem Territorium innerhalb des Gesamtstaates. Die Einwohnerschaft, die sich in den Landschaftsgremien vertreten ließ, wurde gleichzeitig ein Teil des gesamten Volkes. Freiheit, Repräsentation, Landschaft und Sprache wurden Teil eines zeitlichen Kontinuums, das sich von den partikularen und lokalen Verhältnissen der Vergangenheit bis in die gemeinsame und räumlich weitgehend integrierte Zukunft erstreckte. Das spezifisch Friesische wurde zum Motor, der die Küstenbewohner aus ihrer Einsamkeit in die Gemeinschaft des Nationalstaates führte. Die unterschiedlichen Auswirkungen dieses Prozesses und die nationalen Konflikte, die dadurch ausgelöst wurden, müssen für Nordfriesland wohl nicht näher erläutert werden.

Verfassungsideale

Allmählich setzte sich das neue Freiheitsverständnis durch. Schon der bekannte Historiker Barthold Georg Niebuhr (1776–1831) benutzte die Erinnerung an seine Dithmarscher Jugendjahre, um im ersten Band seiner „Römischen Geschichte“ (1811) das Urbild einer freiheitsliebenden Agrardemokratie zu zeichnen, das gleichzeitig als Hinweis auf die Zukunft Deutschlands gelten könne. Auch für die Niederlande könne das altständische Model seines Erachtens geeignet sein. Während eines Besuchs beim westfriesischen Rechtshistoriker Petrus Wierdsma (1729–1811) stellte er fest, dass die „uralte Friesische und Ditmarsische Verfassung zur Zeit der Republik“ fast identisch waren. Im Auftrag der preußischen Regierung riet der weltgewandte Gelehrte später dem neubestallten König der Niederlande – freilich vergebens –, eine zeitgemäße Verfassung zu verabschieden, für die die Dithmarscher Landes- und Kommunalvertretung Pate stehen sollte.

Die Verbindung dieser neuen Verfassungsideale mit dem Wunschbild einer altbewährten friesischen Freiheit wurde frühzeitig hergestellt. Der gelehrte Dorfprediger und Sprachforscher Nikolaus Outzen (1752–1826) aus Nordfriesland etwa versuchte um 1820 zu beweisen, dass „die uralten Dithmarscher Friesen gewesen“ seien. Ein zweiter Autor berief sich auf Ubbo Emmius und Gottfried Wilhelm Leibniz, um die bäuerliche Freiheit in den Elbmarschen zu erklären: „Die ältern Einwohner des Landes Kehdingen … waren Ingävonen, und wahrscheinlich Frisen.“ Über die Haseldorfer Marsch meinte ein dritter Autor: „Die ersten Bewohner waren ohne Zweifel friesischen Stammes.“

Bald erkannte man in der althergebrachten Freiheit und in dem Wohlstand der Marschen ein Zukunftsmodell. „Was sie allgemein erneuert wünschten“, schreibt der zeitgenössische Historiker Johannes Jensen über die liberalen Professoren, die sich mit der Geschichte Nordfrieslands und Dithmarschens beschäftigten, „fanden sie hier noch in Wirksamkeit.“ Friedrich Christoph Dahlmann (1785–1860) z. B. vertrat die Ansicht, dass in den Nordseemarschen die „noch nicht zurückgewonnene Gemeinfreiheit aller Deutschen“ von jeher vorhanden war. Im Vorwort zur niederdeutschen „Chronik des Landes Dithmarschen“ von Neocorus (1550–1630), die Dahlmann 1827 veröffentlichte, argumentierte er, dass in Dithmarschen „viele deutsche Grundeinrichtungen in einem klareren Zusammenhang zusammentreten, als sonst irgendwo“. Das Buch sei, wiewohl die Zahl an einheimischen Subskribenten beschränkt war, wegen „dem Wunsch der Dithmarscher, ihrer alten ruhmvollen Geschichte tiefer auf den Grund zu sehen“ herausgegeben worden. „Wer sich rühmt, es in der Bildung nun so weit gebracht zu haben, daß er die Sprache unsers Bauernstandes nicht mehr versteht, läßt das künftig wohl, wenn er bedenkt, daß er sich eben dadurch für unfähig erklärt, irgend einen Punkt vaterländischer Angelegenheiten gehörig aus dem Grunde zu begreifen.“

Andreas Ludwig Jakob Michelsen (1801–1881), der ihm zwei Jahre später als Professor in Kiel nachfolgte, fand in Nordfriesland die „fundamentalen Bruchstücke eines constitutionellen Staats“ unversehrt vor. Er verherrlichte die mittelalterlichen „Volksgemeinden“, die „durch ihre einzelfreien Verfassungen“ und „ihren glühenden Freiheitsstolz vor allen Deutschen hervorragten“. Nikolaus Falck (1784–1850) hatte bereits 1818 Anton Heimreichs (1626–1685) „Nordfresische Chronik“ neu aufgelegt, um den „Sinn für Geschichte der weniger großen Ereignisse unserer Heimath“ aufzuwecken.

Der Übergang von einem konstitutionellen und gewissermaßen noch altständisch geprägten Demokratieverständnis zum ausgeprägten Liberalismus im Vormärz lässt sich in fast allen Küstenbezirken beobachten. Die Formulierungen wurden prägnanter, die Freiheitsparolen eindrucksvoller, sobald die aufkommende bürgerlich-provinzielle Honoratiorenschicht in Konflikt geriet mit den adlig geprägten und autoritär vorgehenden Regierungen in den Landeshauptstädten. Die politische Mobilisierung unterschiedlicher Gruppen führte zu gegenseitiger Anerkennung gemeinsamer kultureller Interessen und zu regelmäßigem Meinungsaustausch zwischen entfernten Provinzen, sie bewirkte jedoch auch Zwiespalt, sobald die regionale Interessenvertretung sich mit nationalstaatlichen Konflikten verband, was sich anhand der schleswig-holsteinischen Erhebung gut zeigen lässt.

Die üblichen Deutungsmuster der Romantik ermöglichten es, die wohlhabenden Marschenbauern als letzte Erben eines hochgeschätzten mittelalterlichen Gemeinwesens zu bewerten. Eine neue Generation von Bildungsbürgern erkannte in ihnen potentielle Verbündete in dem bevorstehenden Kampf für politische Freiheiten und Demokratie. Kaufleute, Lehrer und Anwälte aus den Kleinstädten verbrüderten sich mit Bauernführern. Besonders in den Elbmarschen war das frühzeitig der Fall. Groß angelegte Festmahlzeiten, reichlich mit Rotwein und Champagner übergossen und mit Volksgesang aufgeheitert, besiegelten die frischen Freundschaftsbände, zu welchem Anlass die neu empfundenen altdeutschen Lieder bieder klangen. Der Toast auf das Gemeinwohl, der sich wohl erst der Franzosenzeit und den anschießenden Befreiungskriegen als neue Trinksitte durchgesetzt hatte, wurde zu einem echten Bindemittel, das die neuen Führungskreise miteinander vereinigte.

Doch auch in den anderen Küstenregionen wuchs das politische Selbstbewusstsein. Die meisten ostfriesischen Bauern würden „mit einiger Geringschätzung und Mitleid“ auf ihre bedrückten deutschen Brüder, ja sogar auf die Städter herabsehen, berichtete Fridrich Arends um 1820 – die „Liebe zur Freiheit“ wäre ihnen angeboren. „Der ärmste Tagelöhner wie der reichste Bauer ist hier gleich frei und unabhängig“, heißt es einige Dezennien später aus der Wesermarsch, er brauche sich außer um seine Steuerabgaben „um keinen andern Menschen etwas zu kümmern“. Und sogar aus Westfriesland, wo der adlige Großgrundbesitz immer noch vorherrschte, klang ein Hoch auf das Wohl des Landes, das seit Langem „hervorragte zwischen den Provinzen, wo sich Freiheit und Aufklärung frühzeitig angesiedelt“ hätten.

Die friesische Sprache war diesem Prozess der politischen Meinungsbildung zunächst weitgehend untergeordnet. Sie figurierte vor allem in den gelehrten Diskussionen von Fragen der Abstammung und der kulturellen Zugehörigkeit und bildete damit die Grundlage eines internationalen Netzwerks, in dem die unterschiedlichen Gedanken zur friesischen Geschichte und Identität weitertransportiert wurden. Erst durch ihre Einbettung in die Nationalitätendebatte wurde sie zum Spielball widerstreitender Loyalitäten. Während der Gedanke der friesischen Freiheit im Selbstbewusstsein der Nord- und Ostfriesen weiterhin eine wichtige Rolle einnahm, allerdings zunehmend in einem konservativen Sinnzusammenhang, geriet er in Westfriesland allmählich in den Hintergrund gegenüber einem Sprachdiskurs, in der die problematische Eingliederung in den Nationalstaat zum Kernthema wurde. Nicht der Freiheitsgedanke an sich, sondern eher seine Verbindung mit Volkssprache, kulturellem Partikularismus und kirchlichem Freisinn bildete hier das wichtigste Medium, über das sich die verschiedenen Akteure in der lokalen und regionalen Gesellschaft etablierten konnten. Erst durch das Aufkommen der Sozialdemokratie in den 1890er-Jahren erhielt die Freiheitsrhetorik neuen Schwung.

Leeuwarder Courant 16.05.1809Der sagenumwobene Pokal, aus dem die westfriesischen Patrioten 1781 getrunken haben, ist immerhin erhalten geblieben. Er befand sich in den ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts noch in Franeker, entweder beim Bruder des Husumer Arztes, dem Mathematikprofessor Jacobus Pierson Tholen (1764–1824), oder bei der Tochter Cunira Adriana Tholen (1784-1816), die nach dem Tod ihres Vaters in die alte Heimat zurückkehrte und sich dort 1814 verheiratete. Vermutlich gelangte der Sturzbecher später in den Besitz des Idzerd Frans van Eysinga (1794–1870) aus Leeuwarden, dessen adligen Familie allerdings zu den Monarchisten zählte. Dieser schenkte den Pokal schließlich, nachdem die alte Geschichte noch einmal in einem antiquarischen Magazin verbreitet worden war, 1861 an das „Antiquitäten Kabinett für Friesland“, den Vorläufer des westfrieschen Museums in Leeuwarden.

Fazit

Fazit: Aus der traditionellen Bauernfreiheit der Nordseemarschen wurde im 19. Jahrhundert die friesische Freiheit – damit wurde ein altständisches Konzept im ethnischen und sprachlichen Sinne umgedeutet. Selbstdarstellung, Sprache und Identität wurden neu verknüpft. Es entstanden Hybriden oder Neuschöpfungen, die man lange Zeit für authentisch gehalten hat, die sich aber letztendlich als Teil der vielen Missverständnisse der Moderne erwiesen haben. Die friesische Freiheit ist vorbei, weil es sie in diesem Sinne nie gegeben hat. Ihre Gegenwart wurde im Rückblick gestaltet; ihre wirkliche Vergangenheit lässt sich erst annähern, indem wir uns von ihrem vermeintlichen Werdegang distanzieren. Wir brauchen deshalb heute neue Konzepte, die unserem Verständnis von „friesischer Freiheit“ im 21. Jahrhundert besser gerecht werden.

© Otto S. Knottnerus, 14.2.2013

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Historisch-socioloog grensoverschrijdend historicus
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